Vor sich hin schreibt der Herr

von Franz Stowasser am 18. Juni 2011

fast wie andere Leute vor sich her brutteln oder ein Gebet murmeln. So schreibt er einfach Wort an Wort und lässt sich überraschen, welcher Text entsteht. Es soll ja ein guter Text entstehen, ein Text mit klarem Aufhänger, Anreisser, vor allem in den ersten Zeilen soll der Text beim Leser, der Leserin Interesse und Neugierde wecken, die Lust zum Weiterlesen entfachen. Was kommt als nächstes Wort, als nächster Satz. Ein richtig guter Text baut Spannung auf, verführt zum Weiterlesen. Da will der Leser, die Leserin wissen, will mit dabei sein, in die Gedanken des Autors eingeweiht werden. Da wird ein Geheimnis vermutet, das gelüftet werden soll, ein Geheimnis, das vielleicht sogar Aufschluss über den Sinn des eigenen Dasein geben wird – wenn auch nicht vollständig, so doch ein wenig. Oder über eine Liebe, die sich anbahnt, vielleicht doch wenigstens über ein kleines Abenteuer. Oder einen Betrug, der entdeckt wird und dann doch noch gesühnt. Ein richtig guter Text polarisiert auch, fordert Identifikation und Meinungsbildung heraus, wirkt in diesem Sinne politisch, auch wenn er „nur“ Privates behandelt. Ein guter Text kann eigentlich alles, kann Lust, Freude, Leid, Tränen erzeugen, kann die Leser einfangen, einwickeln, verwirren, aufklären. Ein guter Text erklärt das Leben ohne erhobenen Zeigefinger, so ganz nebenbei, ein guter Text bildet sich an der Bildung des Lesers und der Leserin.

Bildet, in dem er Bilder schafft, die klar und eindeutig, selbsterklärend den Text tragen. Bilder, in die sich der Text einschreibt und die sich in den Text einbilden. Bis sich der Schreiber etwas darauf einbildet, was er da verfasst hat in dem er schreibend die Gefühle von Leserin und Leser befasst und deren Verfassung ändert.

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