Die unbedingten Freunde der Soziologie tagten wieder in der Ortenau

von Franz Stowasser am 10. Juni 2012

Von der Presse nahezu unbemerkt fand am 5. Juni 2012 in Offenburg das Jahrestreffen der „Unbedingten Freunde der Soziologie“ statt. Der Tag, dessen Arbeitsergebnisse wir im Folgenden in Form eines Appells an die Soziologie gerne veröffentlichen, endete mit einem gemeinsamen Abendessen im blumigen Gasthof in Rammersweiher. Die Soziologen erfreuten sich an folgenden Spezialitäten:

Frische Salate mit Pfifferlingen
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Kross gebratenes Kalbsbries und Kalbsleber
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Ossobuco
Feine Gemüse und Nudeln
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Dessertvariationen

Am späten Abend: Kalbskopfsülze mit Bratkartoffeln, selbstverständlich erhellt durch soziologische Blitzlichter und Ortenauer Weißwein.

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Aufruf:

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Beim traditionellen Ortenautreff der „Unbedingten Freunde der Soziologie“ wurden in diesem Jahr vor allem die Themen

Sozialisation
Bildungsgrenzen
Illusionen um den Arbeitsbegriff
Soziale Netzwerke behandelt.

Statt eines ausführlichen Protokolls der Gespräche und Erörterungen soll dieser Aufruf folgen: Ausgehend von der Marxschen Beobachtung des Verlustes an Produktionsmitteln zeigte sich, dass die objektformenden Maßnahmen handwerklichen Tuns in den Arbeiter- und Angestelltenhaushalten der vergangenen 200 Jahre auf die psychische und soziale Hemmung sowie die Entwicklung des Nachwuchses verschoben wurde. Auf Grund der fehlenden Planbarkeit und späten Testbarkeit der Nachwuchsprogrammierung wird beim direkten Einwirken, das seinen Ausdruck nicht über eine Objektlibido im handwerklichen oder künstlerischen Handeln finden kann, weitgehend auf entwicklungsorientierte Testroutinen verzichtet, stattdessen werden kurzzeitig testbare Hemmungen bevorzugt. Identitätsbildung erfolgt so weitgehend als unbewusstes Abbilden erlittener Sozialisationswirren und als pseudorationale Rechtfertigung des Status Quo. Diese Entwicklung bildet im Mainstream die Grundlage zur Nutzung sozialer Netzwerke, die das Design von Identitätsbildern versprechen und der Teilnahme an virtuellen Rollenspielen, die mit IdentitätsBildwechseln locken.

Die „Unbedingten Freunde der Soziologie“ rufen alle Soziologen dazu auf, Beiträge zu diesen Sozialisationsbildern zu veröffentlichen, damit der Hintergrund, auf dem sich virtuelle soziale Netzwerke bilden konnten, ausgeleuchtet werden kann. Sollte die Soziologie wie bisher keinen Beitrag zur Aufklärung verwirrter Identitätskonstruktionen in virtuellen Welten leisten, wird sie das wissenschaftliche Definitionsfeld digitalen Technikfreaks, ahnungslosen Psychologen oder noch schlimmer, den Prozessen kapitalverwertender Marktintegration überlassen und ihre Aufgabe als Instanz sozialer Aufklärung nicht mehr gerecht werden können. Dies würde ein Fortschreiben der bereits erfolgten gravierenden Versäumnisse bedeuten. Hier einige Beispiele solcher Versäumnisse:

Definition des Arbeitsbegriffes (noch immer finden sich in soziologischen Beiträgen die Begriffe „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“)

Klärung der Forderung zum „Recht auf Arbeit“

Thesen zur Lebensraumbestimmungen durch Arbeitsplatzhierarchien

Routinenbildung und Spiegelreflexion von Pseudoidentitäten

Definition der Geldbegriffe und die Strategien zur Marginalisierungen in der EuroZone

Diskussion virtueller sozialer Welten und deren „copy – paste“ Freudigkeit als Gegenwelten zum bürgerlichen Eigentumsbegriff

Die Suggestion des „Zeit“ Begriffs

Dank der annuellen Treffen der „Unbedingten Freunde der Soziologie“ wurden diese Themen in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt und ausführlich diskutiert. Eine vorschnelle Veröffentlichung der umfangreichen Arbeitsergebnisse hätte jedoch zur Folge, dass die abgearbeiteten Definitionen nicht als ambivalente Konstruktionen die wissenschaftlichen Forschungsgebiete bereicherten und erweiterten, sondern, dass diese Definitionen vorschnell in den mediengewerblichen Verwertungskanon integriert würden. Das allerdings kann nicht im Wollen der „Unbedingten Freunde der Soziologie“ liegen, auch nicht im Forschungsinteresse profund arbeitender Soziologen und Soziologinnen. Ein soziologischer Begriff, der einmal durch ein Fraunhofer Institut, den TÜV oder eine andere Zertifizierungsstelle, Focus, Wissenschaft heute oder Psychologie heute – um nur einige zu nennen, ko(h)lportiert wurde, kann als Arbeitshypothese nicht mehr verwendet werden. Deshalb also „nur“ dieser Aufruf in der Hoffnung, von Freunden der Soziologie gehört zu werden.

Gezeichnet im Juni 2012, Offenburg in der Ortenau

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