Tränenreiche Zugfahrt

von Franz Stowasser am 6. August 2006

Der Herr liest

Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier

Fast schüchtern kam der Herr nach diesem Auswärtstermin in sein Büro, hoffend, dass niemand da sei. Es war keine Person anwesend, allerdings der Dankbare mit seinem Nachtzug zwischen zwei Buchdeckeln. Er erinnerte sich nicht, dieses Buch bestellt zu haben und war darüber dankbar, dass es die Aufmerksamkeit eines Freundes war. Nach oben, die Tasche abgestellt und das Zellophan vom Buch entfernt. Ein roter Ledersessel, den roten Lackmantel vorweg nehmend und die warme Abendsonne durchs Fenster, draußen fleißige Straßenarbeiter die duftenden Teer einplanieren. Der Herr liest – und weint schon auf der ersten Seite obgleich es doch erst später bei Regen über den Fluß geht wo die wütend traurige Portugiesin im roten Lackmantel wartet. Und ein Zitat von Fernando Pesoa, gar kein so schlechtes, verglichen mit den Briefen an sein armes Mädel.

Was lässt die Tränen des Herrn fließen, auch auf der zweiten und dritten Seite? Der Wegfall des 100%igen, der Verzicht auf Kontrolle nach Erkennen eines Fehlers das Wissen und doch Sein lassen. Der Verlust der „bemerken – kommentieren“ Verknüpfung. Die Ruhe und Würde, die das mit sich bringt. So schläft er kurz im roten Sessel und will liegen gehen, unterdessen noch die Fußnägel schneiden, dann stellt er doch den Rechner an um parallel mit dem Lesen die Pausen nutzend mit zu schreiben.

Er möchte noch viel lesen bevor sie wieder nach Hause kommen und mit ihm Alltägliches reden. Und ca. 5 Seiten schafft er auch im immer wärmer werdenden Bett dessen Matratze sich so schmiegend dem Körper angleicht und ihn mehr und mehr ins Traumland fängt. Der Lehrer fährt ja nicht nach Lissabon auf diesen Seiten, sondern kauft einen Sprachkurs und lernt die Sprache nach dreimaligem Hören, übersetzt sogleich und lässt den Herrn nach dieser Anstrengung einschlafen. Im Traum fließen grüne Wasser die Aare hinab. Mal reißend, mal ruhig strudelt es die Farben. Der Herr erwacht nach Stunden durch Alltagsfragen.

Dann, nachts nach beantworteten e-mails und korrigierten powerpoint Präsentationen liest er wieder im roten Sessel, denn kein anderer kann jetzt mehr für dieses Buch in Frage kommen, bis Seite 88. Nun fährt der Lehrer endlich mit seinem Nachtzug nach Lissabon, trifft Menschen und spielt Schach. Schläft wenig wie es sich für eine schriftstellerische Phantasie, durch Werkauftrag beflügelt, gehört. Der Dank zu Anfang des Buches an die unterstützende Stiftung liest sich durch die Seiten als ein Grund zur Schlaflosigkeit.

Der Herr bekommt Lust, nach Nordengland zu fahren oder nach ‚Irland und sich dort einen Zweireiher mit Weste aus bestem Tweed schneidern zu lassen und er bekommt diese Lust etwa auf Seite 70. Den Stoff kann er fühlen, seine Textur ertasten und sich vorstellen wie er riecht nach einem leichtem Regen. So ein sehr guter Wollstoff würde lange halten. So lange, dass der Herr, dünner werdend statt aus ihm raus zu wachsen durch ihn durchfallen würde- Herausfallen aus diesem Bild. Und was fällt im Text alles aus den Bildern, den Metaphern? Was löst das Weinen aus, auf allen 5 Seiten kommen die Tränen und das Gesicht zittert. Fühlt sich jedoch bei jedem Weinen unterschiedlich an, einmal stark und knochig, dann fein, zart und zerbrechlich. Als weinten verschiedene Gesichter, unterschiedliche Mensch. Ein guter Wollstoff könnte vielleicht alles zusammenhalten, würde „alles mitmachen“.

88 bis 122 Die Augenärztin, der gefolterte Bruder, die Gestalt des Arztes im Spiegel der Kontrast von Unverständnis und griechischer Selbstverständlichkeit das Konglomerat der Augenärzte, die versuchte Blendung durch glühendes Eisen, der Blick, die Perspektive, Die Kellnerin, des Kaisers Gregorius neue Kleider, das blaue Haus, die Beobachtungen am Tag zu vor die dann zu Schlüsseln werden wie die Schlüssel zur Berner Wohnung in der Tasche.
Vielleicht soll Mercier auch Gnadenlos heißen. Denn ebenso reiht er (übrigens viel geschickter als P. Coelho) Endpunkte des Denkens aneinander. Diese Endpunkte werden zu Zufällen, Gedankensachen wie Bücher, Brille, plötzliches und unvorhergesehenes Verändern von Nähe und Distanz. Doch sie bleiben bis jetzt Endpunkte und damit Meilensteine der Ewigkeit. Was wären diese ersten 122 Seiten ohne solche Meilensteine die als griechische und hebräische Buchstaben, als Schachbegegnung, als Buch usw. immer wieder auftauchen? Was wäre, gäbe es solche Eckpunkte nur in des Gnadenlosen Denkkonzepts, wir aber könnten darüber hinaus denken und hinter die Spiegel sehen und durch das Glas uns phantasieren.

Der Herr empfindet das Setzen von Endpunkten als religiösen Akt. Es schafft Orientierungen in der Ewigkeit und unerkannt damit erst die Ewigkeit selbst.

Daher auch die Tränen. Sie flossen jedes Mal an solchen Endpunkten und die wechselnden Gesichter hinter diesen Tränen hatten eines gemeinsam, sie waren wie versteinert, so hart und unflexibel. Im Hals war Halten und konvulsives Beben, doch das war mit sich zufrieden, wollte nirgendwo hin.

Bis jetzt liest er im Buch vor allem viel schriftstellerische Feinarbeit. Das Konzept des Buchs im Buch, die Reise, die Spiegel (die ganze Passage scheint aus Pirondello „Einer, Keiner, Hunderttausend“ entnommen) die Andeutungen, die Metaphern und der Gnadenlose lässt kaum etwas aus. Bis jetzt ein konzipiertes Buch, gute handwerkliche Arbeit wie ich es von einem Salieri als Antwort auf seine Vorstellungen von Mozart denken würde.
Doch, wer ist für den Gnadenlosen Mozart? Vielleicht hat er das in seinem anderen Buch, „Handwerk der Freiheit“ beschrieben. Und, da er „Handwerk der Freiheit“ unter Peter Bieri veröffentlich hatte vermutet der Herr, mit diesem Buch hier die Antithese zum eigenen Wagnis in der Hand zu halten. Und, vielleicht heißt Mercier auch der „aus der Gnade gefallene“, vielleicht hatte er sich im Handwerk der Freiheit selbst fast verloren und versucht das jetzt durch die „kleinen Fluchten“ eine Gymnasiallehrers mit Hochkompetenz auszugleichen.

Es bessert. Mit dem Augenblick, als sich der Herr entschließt, die tumben und kursiv gesetzten Auslassungen des Sohnes nicht mehr zu lesen wird der Text wieder interessanter. Der Gnadenlose widmet der Entwicklung der Erzählerfigur weniger Aufmerksamkeit, nun gut, er hat ja jetzt einen neuen Anzug und ein Hemd, das er jeden Tag trägt, auch eine neue Brille. Dafür kommt der gebeugte Vater mal zu Wort, eine Wohltat.

Vor allem nach der als Lehrstück konstruierten Glaubensdiskussionen und dem langweiligen Fragen, wie viel Menschen ein Mensch wert sei etc.. Soll das die Philosophie sein, von der dieser Journalist auf dem Bucheinband schreibt? Will es sagen, dass der Gnadenlose offensichtlich Portugiesisch spricht und auch französisch, deutsch ohnehin aber wahrscheinlich auch griechisch und lateinisch vielleicht auch hebräisch und englisch etc.. In vielen Zungen sich selbst gelobt in seiner unendlichen eigenen Ausdifferenzierung bleibt sich selbst gelobt. Der Brief des Vaters, in dem dieser alles auf den Schmerz schiebt und damit eine recht schmerzlose Abspaltung betreibt versöhnt den Herrn mit den Quasselseiten davor. Ein aufrechter, ehrlicher Akt: Ich bin, weil ich Schmerzen habe. Eben, weil der alte Mann das Geld hatte – von seinem Vater, dem Kolonialisten und den Mut, es zusammen zu halten. Die Bildung des Sohnes scheint ein so billiges Gut, ein paar Bücher hat es gekostet, Bücher, die der Gierschlund leergesaugt hat beim Lesen wie alles womit er sich beschäftigte, bei der Mutterbrust angefangen, über das Gymnasium, das Studium, die Frauen später, die Männerfreunde. Tja, Vati, hättest Du’s gewusst….
Der Jammerpreis 2005 sollte an den Gnadenlosen gegangen sein.
Und doch, um des Vaters Brief herum einige schöne Stellen skuril und unvermittelt wie die mit der Campingausrüstung, Versatzstücke aus dem Zettelkasten wie der Kurzbesuch in Bern, dann zwei besonders schöne Zeilen, die der Herr vergessen hat.

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