Sturm

von Franz Stowasser am 5. Oktober 2010

“Hallo Klarmann, wir hatten Sturm”

“und, alles ok?”

“na ja, eine neue Art des Zerfalls, der Sturm brachte, was ich als fest eingeschätzt hatte ins Wanken. Starke 100 jährige Bäume brachen wie Streichhölzer in der Mitte, konfrontierten mich mit meiner Illusion von ewiger Haltbarkeit und mit der Nutzlosigkeit, vermeindlich Haltbares aufzubauen. Haltbar für was? Irgendwie hat das Leben jetzt etwas von H-Milch oder Büchsenmilch bekommen – wenn’s ganz haltbar ist schmeckt’s grauslich.”

“Und, was tust Du jetzt?”

“Ich schreibe einfach Seite um Seite und beruhige mich selbst etwas. Sonst müsste ich ja los ziehen und das Unhaltbare tun. Oder Unhaltbares tun oder Unhaltbares fallen lassen – was gar keine Kunst wäre. Außerdem habe ich viel Bass gespielt, den schönen hölzernen Contrabass und das Contra hat mir gut getan. Der Bass könnte ganz spaßig sein und bildet gleichzeitig die Armmuskulatur.”
“Fahr doch ein paar Tage in Urlaub, einfach weg”
“Ich gehe nicht mehr in Urlaub – jeden falls nicht mehr so weit. So stark wie nach dem Thailandurlaub hat mir noch nie die Zeit gefehlt, es war, als hätte ich einen Teil meines Lebens dort gelassen und nicht mehr mit zurückgebracht. Vielleicht ist das ja auch gut, so kann sich dieser Teil unter Thailändischer Sonne wohl fühlen und der andere Teil stürmt sich hier durch den Bürokratentschungel um noch ein paar Cent von der Versicherung zur Kompensation des Sturmschadens zu bekommen. Jetzt bleibe ich einfach vor diesem Computer sitzen, bis in alle Nacht, bis ich die Sachen aufgearbeitet habe, ohne Schuld an die Zukunft. Vielleicht auch schon das nächste Engagement gut vorbereitet, freudig darauf hin blickend und nur das Positive und Gute sehend.”

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