Speichern bitte.

von Franz Stowasser am 20. Juli 2012

Von den Ägyptischen Kornspeichern zu den Rechnerspeichern und dem bürgerlichen Bedürfnis, alles zu speichern, am besten jeden Gedanken. Alles der Kontrolle zuführen, vor allem Vergangenes aus dem Speicher auslesen und kontrollieren können. Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft. Mit den Speichern wird der Fluss gestoppt. Er mündet im Wasserspeicher. Mit der Industriealisierung wurden zuerst die Flüsse vergiftet, dann begradigt. Die Flüsse wurden mit Gewalt so verändert, dass aus ihrer mäandrierenden Systemfunktion nur mehr die Abflussfunktion übrig blieb. Der Speicher wurde kultiviert, sei es Wasserspeicher im Stausee, Kornspeicher, Kühlhäuser, in den Bananen und Orangen unter Gas lagern, Butter und Milchspeicher, Geldspeicher, Samenspeicher, Totenspeicher und schließlich die Chips als Datenspeicher. Diese Speicherkultur führt in die Fantasie der bürgerlichen Ewigkeit. Alles soll wieder abrufbar und präsent sein. Wenn nichts mehr verloren geht, dann währt das Leben ewig. Außerdem wird das Individuum, das über alle Daten verfügt global. Ein weiterer Traum des Bürgers soll in Erfüllung gehen: das globale Individuum, nicht mehr eingeschränkt durch Nicht Verfügbarkeit von Kenntnis und Wissen, jetzt jederzeit in der Lage, die gewünschten Daten zu nutzen. Schließlich Erhöhung der Potenz, des Möglichen, des „ich kann wenn ich will“. Die Möglichkeit, auf „alle“ Daten zugreifen zu können, die Potenz ersetzt die Fähigkeit und stärkt das alte männliche Prinzip, sich der Realisation zu entziehen. Speichern scheint jetzt männlich, soll ein unendliches Reservoir bilden, aus dem Mann immer Kraft schöpfen kann. Omnipotenz als Speicherzweck.

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