Normalerweise

von Franz Stowasser am 30. November 2012

Der Herr testet manchmal Worte durch wiederholte Verwendung in ihren Wirkungsweisen aus. (Nein, noch nicht aus, es fängt erst an.) Das Wort „normalerweise“ wurde zum Beispiel in unterschiedlichen Zusammenhängen getestet. Doch in allen getesteten Zusammenhängen blieb es nichtssagend, verschleiernd und in seiner Wirkung höchst ungenau, obgleich mächtig. Es ruft bei seiner Verwendung stets Anleihen an eine gedachte demographische Vorstudie zur Normalität auf. – Ab dann kann der Eindruck entstehen, es gäbe eine solche Vorstudie zur Normalität, zur normalen Weise, obgleich die Leserin und auch der Leser sofort weiß, dass es eine solche Vorstudie gar nicht geben kann.
Denn jeder Gestalter, jede Gestalterin einer solchen Vorstudie würde ja die vorgehabte Studie nach ihrer/seiner Vorstellung, also keineswegs der Norm nach, ausgestalten. Vor allem auch deshalb, da er, ohne die Vorstudie über die normale Weise durchgeführt zu haben, nie wissen könnte, wie eine normale Vorstudie zu gestalten sei. Jede Verfasserin einer solchen Vorstudie zur Normalität müsste also auf einen individuellen Ansatz, der nichts mit einer Norm zu tun haben könnte, zurückgreifen.
Das Wort „normalerweise“ verweist demnach auf seine eigene und auf des Verfassers eigene Vorstudie über die normalerweise offensichtliche Unfähigkeit, eine Norm zu bestimmen. Das Wort „normalerweise“ verneint also, was es zu bedeuten vorgibt.

Wir sollten dem Wort „normalerweise“ daraus aber keinen Vorwurf machen und es ruhig munter weiter verwenden, mehrmals täglich. Denn durch das Wort „normalerweise“ kann Eindruck erzeugt werden, auch die Sicherheit, Teil einer Norm zu sein, und, gerade weil es diese Norm nicht geben kann, wirkt deren Behauptung so beruhigend. Wer sich normalerweise mit dem Wort „normalerweise“ beruhigt, könnte diese Beruhigung noch durch „im Allgemeinen“ verstärken, zum Beispiel.

Vorheriger Artikel:

Nächster Artikel: