Neapolitanische Spiegel

von Franz Stowasser am 23. September 2011

Nachts, zwischen 2 und 5 ist die Stadt ruhig, es fahren sehr wenig Autos und das Hupen hört fast ganz auf. Tagsüber sieht man von hier oben das Schieben der Autokolonnen, den immerwährenden Versuch, sich vorwärts zu bewegen. Der Impuls, etwas schneller als der andere zu sein, doch noch die rote Ampel überfahren oder mitten auf der Kreuzung stehen bleiben und vor allem zu hupen. packt vielleicht jeden autofahrenden Neapolitaner. Wenn ein Polizeiauto mit Sirene fährt hupen die anderen mit und fahren in der frei gewordenen Trasse hinterher. Indem ich das hohe Balkonfenster hin und her bewege kann ich wie mit einem großen Spiegel den Straßenverlauf weiter verfolgen und beobachten, was nach der Ampel passiert. So kann ich das Straßenchaos noch verwirrender gestalten, was in der realen Sicht nach rechts fährt, bewegt sich im Fensterspiegel nach links. Ich lasse so die Kolonnen gegeneinander fahren und das Hupen bekommt plötzlich Sinn. Durch den Spiegel des anderen Fensterflügels sehe ich das Nachbarhaus mit seinen Balkonen und Blumen in den oberen Stockwerken. Manche Balkonfenster sind geöffnet und ich vermute dahinter Anwaltskanzleien, Agenturen oder große Wohnungen alter Neapolitaner.

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