Mentoring 4

von Franz Stowasser am 30. Juni 2011

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Vilém Flusser sagte zum Beispiel in einem Vortrag‚ „Die Informationsgesellschaft, Phantom oder Realität?“ dass die Frage nach dem Sein des Menschen eine sinnlose Frage ist. Denn: „Wir sind nicht Etwas, sondern ein Wie sich Relationen verknoten“. Knoten von Bindungen in der Kommunikation, der Begegnung, der Zusammenarbeit, der sozialen Beziehungen. In seinen Ausführungen über die telematische Gesellschaft beschreibt Flusser die Tendenz der heutigen Entwicklung, die im Näherbringen von Entfernten liegt. Durch TV-Bilder, Internet und andere technische Entwicklungen werden wir Knoten von neuen, uns näher gebrachten Bindungen.
Diese Vorstellung eines kommunikativen Netzes hat starke Auswirkungen, auf das, was wir als unsere Identität definieren. Identität ist nicht länger eine Sache, die wir beschreiben und als Beschreibung angeben, wenn uns jemand fragt, wer wir sind. „Identität und Differenz implizieren einander“, schließen einander ein, nicht mehr aus. Zu früheren Zeiten war es vielleicht wichtig, genau anzugeben, was ich bin und was ich nicht bin, welche Identität ich habe, bzw. welche nicht. Heute, und vor allem in Zukunft wird diese Ausschließlichkeit nicht mehr genügen. DAS oder JENES zu sein reicht nicht mehr. Beschreibungen von Identität werden immer mehr zu „DAS und auch JENES“ Beschreibungen werden.
Wenn wir diese Vorstellung der Welt ein wenig weiterdenken und die Auswirkungen auf das Mentoring im Business betrachten, dann können wir sehen, wie sich die lineare Entwicklung einer Identität verflüchtigt. Früher hieß es vielleicht: „Du kommst aus der Familie X, hast diese Schule besucht, jenen Beruf gelernt, also bist Du zum Beispiel Banker. Heute sollten wir viel mehr zwischen den Zeilen lesen können. „Das und auch Das“ kann die Identität bilden. Mehr noch, jemand kann z.B. als Banker auch Motorradfahrer sein, oder Vater. Nicht nur als Rolle, sondern durchaus mit gleichwertiger Identität. Die starren Strukturen sind gewichen und wir brauchen deshalb im Mentoring neue Ansätze im Umgang mit Menschen.
Ich will hier ein paar neue Vorstellung über die Welt der Kommunikation teilen.
Ausgehend von grundsätzlichen nonverbalen Bewegungsmustern im Raum werden Kommunikationsmuster entwickelt, die uns dann im Mentoring zur Verfügung stehen.
Dieses Vorgehen verzichtet völlig darauf, die Person, mit der wir im Mentoring zusammenarbeiten nach Inhalten in Bezug auf die individuelle Geschichte zu fragen, wie es zum Beispiel ein Psychologe tun würde. Wir können gegenwartsbezogen arbeiten. Wenn Inhalte bekannt gegeben werden, dann als Metaphern – es kann so sein, es kann auch anders sein. Das Ziel ist die Schaffung von Wahlmöglichkeiten im Handeln. Diese Wahlmöglichkeiten lassen sich nur sehr schwer erschaffen, wenn wir nach Inhalten fragen. Über Inhalte sprechen heißt etwas preisgeben, das bringt Geheimnisse in den Fokus der Aufmerksamkeit. Geheimnisse bilden oft die Grundlage von Streitigkeiten. Wenn wir also danach trachten würden, im Mentoring Geheimnisse aufzudecken, dann wäre die vorherrschende Kommunikationsform verbergen und aufdecken, also Streit. Damit würden wir den Fortschritt unserer Arbeit selbst behindern.
Die Vorstellung, im Coaching oder im Mentoring würde über Geheimnisse gesprochen ist wahrscheinlich ein Hauptgrund dafür, dass die kraftvollen Möglichkeiten dieser kommunikativen Verfahren bisher nur so zaghaft genutzt wurden.

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