Identitätserlust

von Franz Stowasser am 9. Februar 2011

Eines Abends hatte der Herr auf seiner Urlaubsinsel im Süden seine Brieftasche verloren. Kreditkarten, ID-Karte, Führerschein, Bargeld waren plötzlich weg und die Erholung in Frage gestellt. Da fragte sich der Herr, ob er zur Erholung wirklich eine, durch den Personalausweis bestätigte Identität benötigte oder ob er sich nicht einfach so, ganz identitätslos erholen könnte. Anfangs bekam er bei diesem Gedanken etwas Bauchweh, wie sollte er denn wissen, wer genau sich da erholt, vielleicht ein anderer, der Finder seiner Papiere und seines Bargelds, vielleicht erholt sich dieser auf des Herren Kosten und in seinem Namen.
Erholt sich im Namen des Herrn.
Dieser Gedanke kurierte die Bauchschmerzen sofort und ließ den Herrn aufatmen. In seinem Namen könne sich erholen, wer Lust dazu habe, dachte der Herr und widmete sich wieder seinen eigenen Ferien. Diese direkte Erholung, ohne einen Umweg über die Identität, bekam dem Herrn so gut, dass er mit dem Gedanken spielte, sich in seinem Alter noch einmal selbst zu erschaffen. Als er jedoch erkannte, dass dies bereits geschehen war und gut gelungen, musste er sich auch damit nicht mehr beschäftigen. Auch dadurch erkannte der Herr, wie viel er im Laufe der Jahre auf seine Identität projiziert hatte. Seine Errungenschaften und seine Verluste, seine Erfolge und sein Versagen, all das hatte er auf seine Identität gestapelt und jetzt, mit einem Mal war er frei davon. Neue Papiere würden diese neue Freiheit besiegeln und der Herr würde diese Papiere ab jetzt nur noch als Verbriefung seines Namens ansehen, nicht mehr als Identität.

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