Einfach nur mieten

von Franz Stowasser am 25. September 2011

Ein junger Mann mit weißem Pullover und schwarzer Hose tritt auf den Balkon des Hauses nebenan, ich kann ihn im Fensterspiegel sehen. Es ist das 5. Stockwerk und ich denke, so hoch oben gehört dieses Balkonzimmer zu einer kleineren Wohnung. Ich verstehe immer wieder und dann doch nicht, wie sich die Leute solche Wohnungen leisten können. Hier in Neapel einfach eine Wohnung mit Balkon, als sei das nichts. Und dann in weißem Pullover und schwarzer Hose um 18.13 Uhr auf den Balkon treten und nach unten auf die Straße schauen. Es scheint selbstverständlich und doch, bedenke ich, wie viel es kostete, dieses große Haus zu bauen, wie alt es ist, wie oft es sich schon in seinen Baukosten bezahlt gemacht haben muss, wie häufig es neue Mieter beherbergt hat und wie lange es in die Zukunft dauern wird, dann wird mir etwas schwindlig. Auch dieser Mieter müsste daran Anteil nehmen, könnte nicht einfach nur mieten. Außerdem, was tut er in Neapel, weshalb gerade hier? Die Umstände scheinen mir so willkürlich, so konstruiert, dass ich denke, es sollte leicht möglich sein, sich für einen Wohnort zu entscheiden und dann dort einfach zu leben. Doch ich mache es mir schwer, indem ich mir diese Gedanken verbiete und mir vormache, es gelte, Geschäfte, die einmal begonnen wurden auch zu Ende zu bringen. Jetzt die ältere Frau aus dem dritten Stock in Morgenrock und mit einem Besen. Sie kehrt fast eilig den kleinen Balkon, sieht nicht mal nach den Blumen, die in ihren Kästen ohnehin nicht üppig wachsen und ist schon wieder im Zimmer verschwunden. Die Fensterspiegel sind wundervoll. Ich kann fast gleichzeitig auf den Computerschirm sehen, in die Fensterspiegel auf die Balkone des Nebenhausen, auf die Piazza und mich selbst wahrnehmen, wie ich in kurzen Hosen hier in der offenen Balkontüre sitze. Es ist etwas kühl, aber ich rede mir ein es sei heiß hier und sommerlich.
Jetzt fällt mir auf, dass hier noch vorwiegend alte Antennen auf den Dächern sind. Kaum Schüsseln, auch nicht an den Fenstern. In vielen anderen Städten klebt vor fast jeder Mietswohnung eine Satteliten-Schüssel und die Architektur hat sich durch diese Tellergebilde schon gewandelt. Die Frau im Morgenmantel schaut sicherlich auch TV, vielleicht immer nur das erste Programm. Ihre Wohnung hat 4 Balkone zur Piazza hin, vielleicht noch zwei in die Seitenstraße mit Blick nach Osten. Der Herr in weißem Pullover und schwarzer Hose hat den Fensterladen geschlossen. Was wird er tun? Zur Arbeit gehen, zu einer Einladung, zu einem Konzert?

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