Eine Vergangenheit des Herrn

von Franz Stowasser am 3. Februar 2012

Die Vergangenheit schreckt ihn längst nicht mehr so, seit er herausgefunden hatte, dass sie ein reines Sprachkonstrukt darstellt. Nur weil wir sprachlich die Trennung zwischen Erlebtem und noch nicht Erlebtem in Vergangenheit und Zukunft machen, muss der Herr an diesem Projekt doch nicht teilnehmen. Vor allem, da die Worte „Vergangenheit und Zukunft“ in eine gleiche Bedeutungsebene geschmuggelt wurden. Sie sollen eine gleichwertige Tatsächlichkeit bezeugen, die sie nun mal nicht haben. Vergangenes bezeichnet Erlebtes, Zukünftiges bezeichnet (noch) nicht Erlebtes. Nicht nur die Möglichkeit des Todes steht zwischen beiden, auch die Möglichkeit, dass Zukünftiges niemals eintritt und niemals so eintreten kann, wie es als Zukunft geplant war. Und auch über die Vergangenheit weiß wikipedia: „Vergangene Ereignisse als Tatsachen anzusehen, ist eine gesellschaftliche Konvention.” http://de.wikipedia.org/wiki/Vergangenheit
So liegt also auch die Tatsachen Fiktion in der Vergangenheit, diese hatten wir doch so elegant in die Zukunft retten wollen. Von der Zukunft bleibt nichts, vor allem nicht die bürgerliche Illusion der Ewigkeit, die sich darin zu stabilisieren sucht, dass Vergangenheit und Zukunft und Gegenwart nicht nur in der Grammatik als Sprachbegriffe gleichgesetzt werden. Auch im Alltag werden diese Begriffe als gleich wertvoll, zum Lebensvollzug gehörend, benutzt. Wer da keine Zukunft habe, sei arm, heißt es und der Herr schreit ein “Wie bitte?!!” heraus, denn, gerade, wer sich nicht mehr mit Sprachverdinglichung zufrieden gibt wird erkennen, dass es sich bei Vergangenheit und Zukunft um Fiktionen handelt.
Deshalb findet der Herr Aufschriebe so wichtig. Gesammelte Zeilen über die Befindlichkeiten in den Tagen, über die Gedanken in den Stunden, die Träume in den Nächten, die Tagträume, Hoffnungen und Wünsche. Sie bringen ihn durch die Texte und aus der schwarzen Sprachmagie heraus, lassen ihn zwischen den Zeilen lesen und Wortbedeutungen neu erkennen. Nur im Geschriebenen wird das möglich. Das gesprochene Wort bleibt zu sehr Musik, verfliegt, gebunden an den momentanen Kontext mit diesem.

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