Ei ei

von Franz Stowasser am 20. September 2010

„Also, Franks Frau legt das große Ei – na wenn schon, dadurch ist noch nie Glück in die Welt gekommen, sei froh, wenn Du das nicht nötig hast, bisher haben sich alle meine Bekannten die sich in einem Kind finden wollten, selbst erst richtig verloren.“ Raunzte Herr Klarmann ins Telefon.
„Geburt und Tod, in diesem Hin und Her pendeln wir alle. Du bist also in bester Gesellschaft. Ich kann mich an einem Tag ultra glücklich fühlen, am nächsten Morgen mache ich mir Gedanken, wie ich mich am besten umbringe. Ob mit oder ohne Effekt, vielleicht einfach aufhören zu atmen – eine sehr fortgeschrittene Methode.“ Dozierte er weiter ohne sich unterbrechen zu lassen. „Ich sehne mich immer mehr nach einem kleinen Häuschen, wo ich morgens aufstehen kann und machen was ich will – das kann Saxophon spielen sein, malen oder sonst was und abends nicht schlafen gehen weil ich Musik mache oder male oder schreibe. Bedenke ich’s jedoch, so kann ich das alles heute schon machen. Es ist vor allem der Denkschlamm in meinem Kopf, mit dessen Hilfe ich mir Welten der Unmöglichkeiten vormache. Unmöglichkeiten bilden eine versteckte Form der Rücksicht. Entschließe ich mich, keine Rücksicht mehr zu nehmen, so fliehen die Notwendigkeiten.“ Philosophierte Klarmann munter weiter und fühlte sich mit jedem Satz sicherer.
„Schuldgefühle kriechen mir ins Genick, wenn ich, was ich über alles genieße, einen ganzen Tag nur lese, oder kühn ins Sayophon blase. Ja, das wäre mein Ideal, einfach da sein und es tun lassen, meiner Hand zusehen, wie sie zeichnet, die Töne hören, Farben sehen und ein völlig anderes Verständnis der Welt aufbauen. Ein Weltverständnis, wonach dieser Planet in die Bewegung anderer Planeten, in deren Massefelder, Klänge und Rhythmen einschwingt wie in Gezeiten. Einklang im Wind im Gesang der Vögel, den ich aufnehmen und weiterführen kann. Mit jeder Kreation wäre auch Schaffen verbunden. Arbeit im Sinn von kreieren, schöpfen statt erschöpfen.“

Ich merke, dass ich Zeit brauche, Gedanken wie Klarmann zu entwickeln, sie auszutragen, bevor sie sich aufschreiben. Es geht nicht alles auf die Schnelle, wie eine Karriere, so zack zack und schon wird Geld draus. Manches will Jahre reifen, immer wieder aufgenommen, weiterentwickelt, vervollkommnet, manches will gleich nach der ersten Sekunde erfolgreich oder verworfen werden und Reichtum oder Versagen schaffen.
Jetzt, da ich ruhiger werde mache ich mir jeden Tag etwas mehr Zeit.
Es ist ein Trugschluss, dass man/frau das, was sie/er einmal gemacht hat, immer wieder machen muss. Nur eine künstliche, eine illusorische Kausalität, sie entbehrt jeder Grundlage. Wir können auch völlig zufällig handeln,chaotisch und uns glücklich fühlen.

„Gerade höre ich, dass Du in die Natur gehst,“ flüsterte nun Klarmann in sein dreimal ausklappbares Minitelefon: „wahrscheinlich um Dir selbst zu genügen und Dich an Dir und der Natur zu erfreuen, während ich auf jemanden warte, der eine Beratung will, weil er seinen Job verliert und nichts mit sich anzufangen weiß. Ich wüsste viel mit mir anzufangen, jeder Augenblick ist unendlich reich und kann ausgedehnt werden. Es gibt so viele Skalen in der Musik, die ich in jeder Tonart spielen können möchte. Heute kommt es mir so vor, als seien die Skalen, auf dem Saxophon gegriffen, ähnlich den DNS strings von unterschiedlicher Gestalt. Eine 7major Scala nervt mich ganz anderes als eine 7/4.“

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