Dorf

von Franz Stowasser am 15. Dezember 2010

Der Herr beobachtet das Leben eines Nachbarn und denkt sich, dass das auch nicht mehr Weisheit beinhalte als sein eigenes Leben. Der Nachbar scheint mit sich selbst auch nicht so ganz zufrieden zu sein, obgleich er das bei einer Befragung wahrscheinlich behauptet hätte.
Da fragte sich der Herr ob er, seiner Profession als Soziologe gemäß, denn Befragungen professionell durchführen sollte. Was ihm allerdings widerstrebte war eine Einbindung in einen „wissenschaftlichen“ Kontext. Damit, mit der Wissenschaftsproduktion, wollte er nun gar nichts zu tun haben.

So bleib nur die Variante, die Befragungen als Herr zu starten. Vielleicht eine solche Befragung, wie er sie im letzten Jahr in Berlin vorgehabt hatte. Menschen einfach nach ihren Wohnsituationen befragen und mit der Befragung feststellen, wie weit der Informationswille geht. Mit der Befragung herausfinden, wo bei diesen Menschen der eigene Wohnbereich beginnt und wie viel davon sie bereit wären, einer Befragung zu offenbaren.

Da der Herr als teilnehmender Frager dachte, völlig anders zu wohnen als die Städter, die er zu befragen gedachte, hatte er etwas Bedenken, eine teilnehmende Befragung wirklich durchzuführen. Sollte er doch bei dieser Methode den Befragten auch Gelegenheit geben, ihn zu befragen und seine eigene Wohnung zu besichtigen. Das wollte der Herr nicht, also wurde der Plan, Städter zu befragen fallen gelassen.

Die Dorfbevölkerung zu befragen war allerdings auch nicht sinnvoll. Denn niemand würde sich für die Wohnsituationen der Dorfbevölkerung interessieren. Diese hatte zu wenig Kaufkraft pro qkm und war auch politisch in den Lobbys nur mangelhaft vertreten. Politik bedeutete Politik für die Städte. Das Dorf war passé.

Gerade deshalb liebte der Herr das Dorf. Hier gelang alle Freiheit – wenn auch so manche im Stillen. Und, er musste keine Kommentare, schon gar keine intellektuellen von neidischen Konkurrenten fürchten. Die teilnehmenden Beobachtungen wollte er allerdings an Dorffesten oder Stammtischen nicht ausführen. Wollte stattdessen lieber in seinem Garten sitzen und seinen Blick ins Grüne schweifen lassen.

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