Die Entdeckung des DU

von Franz Stowasser am 12. März 2006

Wir sagen Du, wenn wir noch nicht oder nicht mehr Sie sagen. Im Sprachempfinden geht damit eine Distanzveränderung einher. Wir kommen einer Person zu der wir Du sagen näher. Manchmal so nahe, dass wir uns der anderen Person schon ähnlich oder fast gleich fühlen. Vielleicht manchmal nicht mehr unterscheiden, betrifft das jetzt mich oder Dich.

Das Wort DU bezeichnet immer ein anderes Wesen.

VOM MULTI-ICH ZUM DU
MULTI-ICH meint die Vervielfältigung der eigenen Person in andere Personen. Wenn ich jemanden begegne nehme ich nicht unbedingt diesen anderen Menschen wahr, sondern spiegle meine eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Vorannahmen, Entt Erinnern wir uns nur an die „Sender -> Empfänger“ These, die behauptete, einer würde in der Kommunikation senden und der andere müsse nur auf den richtigen Empfangskanal schalten um zu verstehen. In vielen Kommunikationsseminaren wird dieses Bild immer noch als Beispiel genommen. Dies erfolgt ziemlich unreflektiert, weil die „Sender -> Empfänger“ These mindestens zwei wesentliche Behauptungen unerklärt in den Raum stellt. Zum einen die, dass es ein Verstehen gäbe. Zum anderen die, dass der Empfänger in einem Zeitpunkt nur empfangen, der Sender nur senden würde.
Wir wollen diese Behauptungen hinterfragen und einige Schritte weiter gehen. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass das menschliche Subjekt ein ziemlich komplexes Wesen ist. Es ist sprachbegabt. Durch die Sprache kann der Mensch nicht nur Zeit und Raum erschaffen und seine Bewegungen darin steuern, sondern auch ein Bewusstsein über sich selbst bilden. Gestehen wir dieses Selbstbewußtsein auch unserem Gegenüber zu, so gibt das Raum für Täuschungen, Hoffungen auf diesen Menschen. Im DU sollten wir auf das Andere gefaßt sein, im MULTI-ICH begegne ich mir immer selbst.

Partnerschaftliche Kommunikation
© 2003 Verlag Think GmbH
Franz Stowasser, Gabriele Cahill-Brunner
ISBN 3-9809189-0-4

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