Der Herr wortet

von Franz Stowasser am 7. Oktober 2011

Der Herr bezeichnete sich gerne als einen einsamen Mann. Nicht dass er alleine gewesen wäre, nein, er hatte Familie, eine fröhliche Frau und zwei aufgeweckte Kinder. Jedenfalls sagten das die Nachbarn. Er selbst aber fühlte sich einsam, irgendwie allein gelassen und in einer Art unfertig. Es war ihm, als sei der Künstler, der ihn aus dem Menschenstein zu modellieren hatte, einfach mitten in seiner Arbeit aufgestanden, weggegangen und bisher nicht wiedergekommen. Der Herr wartete und hatte dabei das Warten vergessen. So kam es, dass er sein Leben zu denken begann. Zunächst langsam und ganz vorsichtig dachte er ein Wort und verfolgte die Reise, die dieses angedachte Wort durch seinen Körper nahm. Es kam von seinem Gaumen, wo er es in seiner Vorstellung mit Hilfe der Zunge gebildet hatte, zwischen seine Ohren durch und schwappte von hinten über seinen Kopf. Dabei veränderte sich das Wort, wurde zu vielen Worten, die klangen, als wären sie in einem hallenden Raum gesprochen. In seiner Entstehungsphase am Gaumen mochte das Wort noch einen Sinn gehabt haben, beim Überschwappen am Hinterkopf hatte es keinen mehr. Es war einfach nur Wort und daraus wurden viele Worte. Besonders dann, wenn der Herr von vielen solcher Worte eingehüllt war, fühlte er sich einsam.

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