Der Herr sitzt

von Franz Stowasser am 24. Dezember 2014

im Geborgenen. Wenn auch die Vorhänge jetzt in der Nacht zugezogen sind, und er bei Kunstlicht sitzt, so hat er doch das Meerbild vor Augen, wie er es tagsüber von der Terrasse aus sieht. Und die vielen Bilder der heutigen Fahrt durch das Inselinnere, die Dörfer, kleinen Städtchen, Landschaften. Unterwegs hatte er viele weiße Blätter gekauft und kann nun mit Schriftgröße und -stärke experimentieren, braucht nicht jedes Blatt mit dünner Feder füllen, kann mir Räumen spielen, wie im Kalender der Wahrheiten mit jedem kleinen Kästchen. Geborgen, in Ruhe und in der Gewissheit, dass es für ihn keine Eile gibt. Er versäumt nichts, er verpasst nichts. Oder handelt es sich hier um Wunschlosigkeit und damit um eine Verweigerung der Teilnahme am Leben anderer, am Leiden, an der Not anderer? Denn, wer wunschlos bliebe, der wolle Enttäuschungen meiden. Doch was sollte der Herr daran ungünstig finden? Mit den Enttäuschungen meidet er doch auch die Täuschungen, den notwendigen Vorhalt zur Ent-täuschung. Eine Täuschung sieht der Herr zum Beispiel in dem Glauben, der Fortschritt bilde einen Vorteil zum Rückschritt, Seitschritt, oder jedem andern Schritt. Weshalb fort schreiten, was wirkt denn so enttäuschend am momentanen Ort, dass er diesen Ort durch einen Fortschritt verlassen sollte? Und nicht nur diesen Ort, sondern jeden Ort, denn das wäre ja dann der Fortschritt, immer weiter, immer weg. Wie könnte er dieses „immer“ wollen?

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