Das Haus auf dem Land

von Franz Stowasser am 22. November 2013

Aus einiger Entfernung hatte der Herr mit bloßem Auge das Haus auf dem Land sehen können, kein Fernglas war erforderlich, keine Sehhilfe. Er wusste, wo sich das Haus in dieser Landschaft befinden musste. Eingebettet, zwischen Bäumen in dieser kleinen Mulde musste es stehen, sich an die Landschaft anpassen, anschmiegen. Er wollte sofort auf das Haus zugehen und im Zugehen sich zurecht schreiten, was ihn dort, am Haus erwarten würde. Welche Klänge, wenn überhaupt, welche Farben, welche Gerüche würde er dort finden und, welche Ausblicke vom Ort des Hauses in die Richtung, in der er sich jetzt noch befand, bevor er losgeschritten war? Ein Haus in der Landschaft, sein Haus in der Landschaft dachte er, sich auf das Losschreiten vorbereitend, sich selbst versichernd, dass, was auch immer er an diesem Haus sehen, hören und riechen würde, ihn mit Sicherheit faszinieren würde, ihn für das Haus einnehmen. Einherschreiten wollte er, nicht einfach auf das Haus zulaufen, schreitend wollte er sich dem Haus nähern, mit einer Würde, die, wie er meinte, dem Haus gerecht  würde. Doch nicht übertrieben, mit Würde, nicht mit Stolz und schon gar nicht arrogant oder hochnäsig. So ein Haus, dachte er noch vor dem ersten Schritt, hatte vielleicht viele Generationen von Bewohnern beherbergt, hatte viele Gedanken und Pläne mitverfolgt, auch über sich ergehen lassen, war vielleicht mehrmals umgebaut oder in Stand gesetzt worden, hatte eine eigene Geschichte, eine, die in den Wänden, den Wegen, die zum Haus führten, in den Treppen und den Türgriffen zu lesen war. Eingeschrieben in und zum Haus. Wie würde er mit seinen Gedanken zu diesem Haus passen, wie die richtigen Schritte finden, sich diesem Haus zu nähern? Würde er vielleicht, das Haus aus der Ferne idealisierend, nicht sein Ideal zerstören, näherte er sich auf irgendeine unbedachte Weise diesem Haus? Näherte er sich, in dem er auf dieses Haus zuschreiten wollte, nicht seinen eigenen Träumen und Idealen, seinem Hoffnungskonzept der Zukunft, seinem idealisierten Lebensentwurf? Kam ein Realisieren dieses Hoffnungsentwurfs nicht einer Zerstörung des Ideals gleich und könnte er solch eine Zerstörung ertragen, verarbeiten, verkraften? Sich selbst beruhigend wollte er seinen Gang zu diesem Haus so wählen, dass dieser Interesse und Eigenständigkeit ausdrücken sollte, persönliche Freiheit auch, einfach in eine andere Richtung weiter zu laufen, falls ihm nicht gefallen würde, was er sehen, hören und riechen würde. Frei, und wie zufällig hier vorbeigekommen, wollte er sich wieder entfernen, übergangslos, einfach in eine andere Richtung weiter schreiten, so dass auch ein zufälliger Beobachter aus des Herren Annäherung keine Absicht herauslesen könnte, keine gezielte Handlung unterstellen. Noch vor diesem ersten Schritt dachte er, dass dieses Haus durch sein Zögern bereits zu einem Ziel geworden war, zu lange angepeilt und so wieder aus den Augen verloren. Dass er das Haus auch, weil er es zum Ziel gemacht, für sich in unerreichbare Ferne gerückt hatte. Eine einfache, zufällige und unbedarfte Annäherung war ja nun nicht mehr möglich. Schon am leichten Herzklopfen in seiner Brust konnte er erkennen, dass er die Situation völlig mit Gefühlen überfrachtet hatte. Ohne es zu wollen, war ihm dieses Haus als eine Erfüllung seiner Phantasien und Träume geraten, er hatte es erreichen, besitzen und bewohnen wollen, noch ohne es aus der Nähe gesehen zu haben. Als ein Ort der Ruhe und der Faszination war es ihm erschienen, wie ein ruhiger, kraftvoller Körper, sein ruhiger und kraftvoller Körper. Dann, schon nicht mehr Haus, sondern sein Körper als Ideal, als Vorstellung mit diesem entfernten Haus verschmolzen, sollte ihm das Erreichen des Objektes seine Subjektivität zurück liefern. Ähnlich der Hoffnungen auf Besserung in, als schlecht empfundenen, Zeiten wollte er mit diesen Schritten, die er in Richtung des Hauses zu gehen hatte, seine Situation von Grund auf verbessern. Wollte sich neu erschaffen, seine Traumwelt realisieren. Beim Anblick des Hauses aus der Ferne zeigte es sich als ein Ort der Ruhe, sah er es als einen Ort der Ruhe und gleichzeitig der Anregung, einen Ort des ungestörten Lebens.
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