Anhänger

von Franz Stowasser am 30. Oktober 2012

Ein Anhänger kann einer Gruppe, einer politischen Strömung, einer Meinung anhängen, in den 50er und 60er Jahren auch einem Omnibus:

Ich konnte oft kostenlos fahren, weil ein Nachbar fast immer in dem kleinen, mit grünen Decken geschützten Schaffnerdepartement saß. So schaute ich, ob der Nachbar Schaffnerdienst hatte und schon war ich im Anhänger. Es roch nach kaltem Zigarettenrauch am Nachmittag und nach frischem Rauch am Abend, wenn die Arbeiter mitfuhren. Ich kann’s noch riechen und die dicke Luft sehen, kann die Schlaufen der braunen Lederdreiecke an den oberen Haltestangen reiben hören, bei jeder Kurvenfahrt und, als ich groß genug war, selbst in die ledernen Halteschlaufen zu fassen, erinnere ich die Achselgerüche der Mitfahrer.
Der Anhänger war immer voll und es wurde gequarzt was das Zeug hielt. Wir wurden im Anhänger von einer anonymen Macht gezogen und abgebremst, nur über die Abfahrtglocke gab der Schaffner ein kurzes Signal, dann ging’s los, auch mit den Kommentaren. Die Frauen, falls welche im Anhänger waren, sagten fast immer: „na, der fährt heut’ wieder, also…“ Oft konnte ich nicht aus den Fenstern sehen, weil die Anhänger lange nicht beheizt waren und die Fenster beschlagen. Es war wie einsteigen, geschüttelt und geräuchert werden und aussteigen, mit dem Wunsch, der Wagen möge doch unterwegs nicht anhalten.
Es war wie mein Leben, ein Blindflug mit Gerüchen von A nach B. Wobei A und B immer anders aussahen, jedoch die selben Orte waren. Kamen Leute in den Anhänger, so grüßten sie, wer grüßt heute noch, wenn er/sie in einen Bus steigt? Die Mitreisenden waren Teil der Schicksalsgemeinschaft „Anhänger“, kannten sich vor allem in den Abend- und Morgenstunden, wenn es von oder zur Arbeit ging. Die Zielorte waren bekannt, doch die Fahrt blieb ein Abenteuer. Wenn auch wahrscheinlich, so konnte doch nicht ganz sicher gewusst werden, ob der Anhänger dieses Mal zur Zielhaltestelle gezogen wurde oder ob die Reise vielleicht ganz woanders enden würde.
Vor Entführungen hatte keiner Angst, ein Anhänger ist nicht leicht zu entführen, aber Hoffnungen, dass sie vielleicht dieses Mal doch an einem anderen Ort ankommen würden hatten, so denke ich, viele, oder nur ich. Und doch immer wieder der gleiche Ziel-Ort, manchmal besonnt, verregnet, beschneit, fast immer grau, in dieser Zeit der 50er Jahre. Wer die Aufbruchstimmung und das Wirtschaftswunder, in dem alles nach Vorne ging, im Anhänger verbrachte gab schon eine Visitenkarte ab. Ich visitierte diese Leute so lange, bis ich bei deren Anblick nur noch in mich selbst schaute, in meine Freiheit als Anhänger. Schon von daher hatte mich die Erkenntnis der Neurobiologen, dass das Nervensystem eine Fingerbewegung lange vorbereitet hat, bevor sie bewusst wird, nie überrascht. In meinem Anhängerweltbild kann es keine Freiheit geben, nur eine Scheinexistenz im abgekoppelten Zustand, ansonsten liegt die Freiheit in den kleinen Schleuderbewegungen hinter der Kupplung des Zugfahrzeugs. Schon damals fand die Reise im geschlossenen System statt. Wie heute im Flieger, im Auto, im Zug. Reisen bedeutet Transport in geschlossenen Systemen, einreisen in die eigen Vorstellungswelten vom „wie wird’s wohl sein, wenn wir ankommen…“ bis zum „hätt’ ich nie gedacht..“

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