Gemeinsam lesen.

von Franz Stowasser am 5. Juli 2017

Wir lesen Andreas Okopenko und Ödön von Horvath. Mit der Zeit werden die Reflexionen zu Wiederholungen und scheinen schon bekannt. Ich bemerke jedoch nur selten das Phänomen meiner eigenen Texte, dieses Neue in der Wiederholung. Bei den fremden Texten bleiben Aspekte des Nochmaligen haften. Etwas klebrig fast. Also lese ich selektiv, blättere durch die Seiten und lese näher, was mich auf den ersten Blicken anspricht. Bei Okopenkos Lexikonroman entspricht das sogar des Verfassers Vorstellungen. Wie aber könnte ein Text mich ansprechen? Ob nicht meine Erwartungshaltungen, die Neues hinter bekannten Sätzen vermuten, dieses Ansprechen anfangen?

Eine Kommunikation mit dem Text, vorlesen in Richtung meiner Erwartungen. Neues hinter Bekanntem, hinter Altbekanntem. Bekannt bekennen, als bestehend und existent annehmen, als Sein betrachten, als Ding, als verselbständigtes Ding eines Wortes. Bekannt und vertraut, vertrauenswürdig. Dabei kann doch kein Satz, den ich von Okopenko oder Horvath lese für mich bekannt sein. Und wenn es auch der Satz: “Es ist 14.00 Uhr” wäre, denn ich kenne den Kontext dieses Satzes nicht. Was ich meine zu kennen und auch nicht kenne, sind meine Erwartungen.

Schwingend flügeln meine inneren Ansichten vor mir und um mich herum. Phantasien vom Weiterverarbeiten des Handgeschriebenen. Wohin weiter? Sollte ich mich nicht gerade vor diesem “weiter” hüten? Nicht, daß ich mir in die Unsicherheit dieser Existenz hinein noch Aufgaben verschriebe. Weshalb regte mich Okopenkos Schreibstil nicht dazu an, selbst in diese Richtung weiter zu schreiben? Vielleicht zu wenig Expressionismus. Okopenko bleibt im Impressionismus und schafft Vignetten der Beobachtung, fügt möglichst wenig hinzu, nicht einmal eine Handlung und fügt doch viel hinzu. Kleine Einzelheiten, die das Beobachtungsbild vervollständigen, Ein veränderter Impressionismus, denn der Verfasser gibt sich nicht sehr beeindruckt vom Beobachteten.

Die beschriebenen Situationen und die Dinge scheinen zu sein wie sie sind. Und sie sind doch nicht so, ohne Okopenkos Beschreibungen und die von ihm veranstalteten Rückbeziehungen auf chemisch-physikalische Einzelheiten (Schweiß etc..). Er richtet seine Beobachtungswelt nach einem chemischen Detailraster und reflektiert die Situationen der Dinge auf chemische Ordnungen. Etwa wie sie ein Prediger auf himmlische Ordnungen projizieren würde. Anfangs fand ich diese, für mich etwas ungewohnte, Rückbeziehung interessant, doch nach einer Zeit entstand ein chemisches Weltbild, ein Periodensystem der Attraktionen und Einzelveranstaltungen mit den Dingen und ich faszinierte mich nicht mehr in der anfänglichen Weise.

Da lasse ich es schon lieber erschreiben und lese danach, wohin es ging oder welche Richtungen es angedeutet hatte, gebe Impulsen nach und gestalte mich selbst im Klang der Welten. Auch das fehlte mir bei Okopenko, die Selbstgestaltung. Es gibt ihn nicht, nur eine phantasierte Lust auf die Formen und Düfte der dicken Barbara. Doch, vielleicht will er ja gerade das nicht, will kein Selbst gestalten, hält das Selbst für ein chemisches Erzeugnis in Kontexten chemischer Reaktionen? Das scheint mir automatisch, erinnert sehr an die These eines inneren chemischen Bauplans des einen Universums und, wie alles mit allem reagiert, sehr generalisiert. In der Verabsolutierung der Weltenbewegung als Resultat chemischer Gesetzmäßigigkeiten liegen viele Generalisierungen, nicht nur eine.

Ein Gitarrenspiel und eine Blumenmalerei später hatte ich mich noch mehr von der Chemie entfernt, war fast vor ihr weggelaufen, Dieses magische Wörtchen “fast”. Zum einen ein Hinweis auf fassen, zum anderen genau das nicht, gerade nicht fassen, nicht handeln, das Angekündigte nicht tun, das Erwartete lassen. Dazu könnte ich fast noch etwas schreiben.

Am Morgenfenster bespreche ich mit der Katze den Straßenzustand, die Wolken, den Wind und die Leute, die zur Arbeit fahren wollenmüssensollendürfen. Dann noch ein Zusatz zu Okopenko: Seine Methode chemischer Reflexionen auf das Portfolio des Naturwissenschaftlers hat mich Generalisierungen dieser Methode sehen lassen. Aus jedem Berufsbild, auch jedem Grid, Format, aus jeder Tabelle kann ein Beobachtungsraster werden. Erscheinungen und Verdunklungen der Tage werden dann mit diesen Rastern interpretiert. Kenner der Tabellen bestätigen so die Tabellen noch mehrmals in den Beobachtungen. So werden Glaubenssätze gestaltet und benutzt. Für Nichtkenner der Tabellen erscheinen kurz neue Welten, Welten, die noch nie auf diese Weise gesehen worden waren. Es wird kurz durch Auge, Ohr und Körper eines interpretierenden Künstlers gesehen, gehört, gefühlt, wie mit Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen, Worten, Klängen, Rhythmen.

Ich war viel ruhiger geworden, dachte mehr an freudige Möglichkeiten des Tages. Dachte an Tätigkeiten, die ich so nebenbei tun würde, einfach so, weil ich sie nebenbei tun kann, ohne einen bestimmten Arbeitsplatz aufzusuchen. Ich war ruhig, auch lustvoll in meinem Körper. Die Morgenstunden leuchteten mich innerlich an, zartes Licht durch die Wolken.

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Samstag, Sonntag.

von Franz Stowasser am 24. Juni 2017

Inzwischen war es Samstag, der Herr saß auf der Terrasse und hörte das Motoren-Geheule vom Motodrom her über’s Meer schallen. Fast so, als jagten die Motorräder über das Wasser, direkt hinter dem Kopf des Herrn und er sieht Bilder, passend zum Motorenlärm, junge Männer, die mit gewagten Kurvenlagen ihre Freundinnen beeindrucken möchten, oder die ängstlichen männlichen Partner. Dann, nach wilder Fahrt werden die Motorrad-Piloten in die Arme geschlossen und geherzt. Sie riechen nach Schweiß, Öl und Leder, haben überlebt, alles gegeben, sind über die eigenen Grenzen hinaus gefahren, haben Leib und Leben in den 15 Runden auf dem Motodrom missachtet und sie leben, die Freude und die Erregung ist groß, sie leben. Dieses Erregungspotenial genügt vielleicht für einen Liebesakt heute Nachmittag, den einzigen in dieser Woche, in diesem Monat, denn man kennt sich ja doch schon fast zwei Jahre lang.
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Am Sonntag werden die Söhne anderer Familien auf der nahe gelegenen Go-Cart Bahn für die Eltern eine kleine Schau fahren. Vati und Mutti können mit süffisantem Lächeln und leichtem Kopfnicken den anderen Eltern bekannt machen: „ja, der ganz vorne, das ist unser Claudio, er wird mal ein ganz Großer“. Zauber der Konkurrenz, nur kein Durchschnitt, sondern herausragen, aus jeder beliebigen Menge herausragen, erkennbar werden, das Zeug zur Marke zeigen. Auf dem Nachhauseweg sind die Eltern entweder glücklich mit dem Sieger oder hoffnungsvoll mit dem Zweit- oder Drittplatzierten: „das nächste Mal klappts, dann fegst Du diesen Claudio von der Bahn“. So führt Konkurrenz zu böser Aggression und damit zu nichts Gutem.

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Der Herr zitiert Franz Stowasser

08.03.2017

Was da vergeht ist nicht die Zeit, sondern unsere Illusion der Ewigkeit. Ce qui se passe il n’y a pas le temps, mais notre illusion de l’éternité. What is passing is not time, but our illusion of eternity. Lo que sucede allí no es el momento, pero nuestra ilusión de la eternidad. 善有善报,没有时间,但我们永恒的幻想。 Wat giet […]

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Klären

19.04.2016

Der Herr erklärte die Welt, das war ganz einfach und schnell getan. Er klärte danach etwas Wasser und dann sich selbst auf, dass mehr als eine Welt war.

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