Der Herr berichtete

von Franz Stowasser am 18. Juli 2015

aus den Gebieten seiner Iche. Er hatte viele Iche, Kindheits-, Erwachsenen-, Business-, Musiker-, Schreiber-, Zeichner-, Partner-, Herren-Ich und viele mehr. Denn, so sagte der Herr häufig: „Wer mit einem Ich auskommen will, muss sich ganz schön einschränken“. Mit den vielen Ichen hatte der Herr gute Unterhaltung und wunderte sich auch oft über deren Eigenständigkeiten. Jedes Ich machte für sich einen guten Job und bildete sich auf dem ich-eigenen Gebiet immer weiter aus. Der Herr hatte Glück, denn seine Iche wollten voneinander nichts wissen und konzentrierten sich auf ihre Aufgaben. Auch kannten sie keinen Neid und klagten auch nicht über Benachteiligung. Der Herr war sich nur nicht ganz sicher, für wen sie arbeiteten und ob sie überhaupt für jemanden oder etwas arbeiteten, oder nur für sich selbst. Dann allerdings wäre sein Herren-Ich nur eines unter vielen und gar nichts Besonderes.

Und wieder denken wir an die vielen hungrigen Suchmaschinen die auf tausend Wörter warten. Wir kommen diesen Erwartungen nach, produzieren mehr als 1000 Wörter, dieses Mal ohne Bild und fragen uns, ob sich der Herr da nicht etwas vor macht. Schon diese idealisierte Formulierung: „Auch kannten sie keinen Neid und klagten auch nicht über Benachteiligung.“ zeigt doch eine fortgeschrittene Werksblindheit des Herrn.

Wer viele Iche hat, hat auch Streit, Mißgunst, Niedertracht, Konkurrenz, Jammern, kurz Unpäßlichkeiten jeder Art zu fürchten. Nur durch Ignoranz kann es dem Herrn gelungen sein, die Streitigkeiten seiner Iche, die auf jeden Fall da gewesen sein müssen, aus seinem Fokus der Aufmerksamkeit zu verbannen. Wohin fokussiert der Herr aber dann? Wahrscheinlich immer auf das Ich, das ihm gerade freundlich gesinnt scheint. Der Herr pflegt Illusionen, erträumt sich eine heile Welt und wird schon noch sehen, wo er damit hin kommt. Ganz subversiv versucht der Herr mit dem Postulat der vielen Iche den uns allen bekannten Identitäts-Satz zu unterlaufen oder aber zu durchkreuzen. Weiß er denn nicht, dass jeder eine Identität braucht. Ohne Identität gibt es nichts zu individualisieren und wie langweilig wäre das Leben, wenn jeder die gleiche Facebooksite hätte oder das gleiche I-Phone. Stellt euch vor, es gäbe keine individuellen Tatoos mehr oder Schuhmoden, keine individualisierten Autos und so weiter. Jedes Individuum will doch sein eigenes Design, damit es nicht identisch mit den anderen Individuen daher kommt.

So weit, dass wir alle gleich werden, soll die Identität nicht gehen. Nein, das Besondere eines Individuums soll herausgestellt werden und das nicht nur Donnerstags, wenn die Müllabfuhr vorbei kommt. Wir wollen unsere Identität sichtbar machen, denn wir sind nicht mit anderen identisch, sondern mit uns selbst, also ich bin mit mir identisch. Schon schlimm, dass man das hier erst noch aufschreiben muß. Man nennt das auch Selbstähnlichkeit und es ist mehr als nur eine Ähnlichkeit. In der Identität liegt das Dasein, denn wäre das Seiende nicht mit sich identisch, dann wäre es nicht und es kommt doch darauf an, dass etwas ist, individualisiert nämlich. Jeder Mensch ist etwas Besonderes. Das habe ich neulich in einem amerikanischen Film gesehen und das hat mir gut gefallen. Den Film sollte sich der Herr auch einmal anschauen, dann würde er wissen, wie wichtig eine Identität, also ein und nur ein Ich ist.

Ich-Identität ist sehr wichtig, das sollte der Herr eigentlich wissen. „Hans-Peter Frey und Karl Haußer bezeichnen Identität als einen selbstreflexiven Prozess des Individuums. Ein Mensch stellt demnach Identität über sich her, indem er verschiedene Arten von Erfahrungen, so zum Beispiel innere, äußere, aktuelle sowie gespeicherte, über sich selber verarbeitet. „Identität entsteht aus situativer Erfahrung, welche übersituativ verarbeitet und generalisiert wird.“ (Identität, 1987, S. 21).“ zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4t#Ich-Identit.C3.A4t_nach_Erikson_und_Habermas

Wenn ein Mensch Identität über sich herstellt, dann ist das auch ein erhebender Moment. Der Mensch erhebt sich über sich um seine Erfahrungen „übersituativ“ zu verarbeiten und zu generalisieren. Das Ergebnis aus dieser Aktion sind nicht etwa Glaubenssätze und Vorannahmen, sondern das Ergebnis heißt Ich-Identität. Identisch ist also, was sich über sich erhoben hat, um dann in der Verarbeitung und der Generalisierung von Erfahrungen mit sich identisch zu werden. Aus einem werden zwei und dann wieder ein identisches um wieder zwei zu werden, dann wieder eins. Das nennt man einen Prozeß, vielleicht sogar den Prozeß der Ich-Identitätsfindung. Immer einer oben, das andere unten, das ist auch wichtig.
Wenn der Herr sich einmal die Mühe machen würde, Identität über sich herzustellen, dann würde er merken, dass das so einfach nicht geht. Er würde merken, dass er dazu Hilfe braucht, einen geistigen Führer vielleicht, der ihm hilft, seine Identität über sich herzustellen. Ein geistiger Führer oder ein Yoga Lehrer könnte ihm dann auch sagen, ob er es richtig macht. Aber, der Herr wählt den einfach Weg, behauptet, viele Iche zu haben und drückt sich so vor der wichtigen Erfahrung, sich über sich zu erheben, vielleicht sogar über sich hinaus zu wachsen. Vor allem kommt der Herr mit den vielen Ichen niemals zu einer „gespeicherten Erfahrung“. Wahrscheinlich speichert ja jedes seiner Iche die eigenen Erfahrungen ab und die unterscheiden sich dann von den anderen Erfahrungen. Eine Identität bleibt unmöglich und der Herr wird sich wahrscheinlich als multiple Persönlichkeit wieder finden, wenn er sich überhaupt wieder finden kann. Denn einen Menschen mit vielen Ichen kann es nicht wirklich geben, er könnte sich selbst nicht kennen und keine Sekunde wirklich da sein.

Wie sollte er sich einen Namen geben, wenn er keine Identität hat? Wie sollten wir ihn ansprechen? Gut, wir können ihn mit Herr ansprechen, aber dann, was sagen wir dann? Der Herr entzieht sich einer Ansprache, kann ohne Identität auch keine Adresse haben und keinen Meldeschein. Wählen müßte er mit vielen Stimmen und wäre eigentlich nur als Chorsänger zu gebrauchen. Vielleicht nennt er sich deshalb „der Herr“, kann keinen Namen nennen, kennt seine eigene Identität nicht, weil er sich nie über sich erhoben hat. Wir wollen doch alle über uns hinauswachsen, dadurch lernen wir und erweitern unsere Grenzen oder wachsen auch über diese Grenzen hinaus. Gut, es ist etwas schwer zu begreifen, wie jemand über sich hinauswachsen könnte, denn der jemand, der da wächst wäre ja mit sich identisch und könnte sich zum hinauswachsen nicht verlassen, ohne seine Identität zu verlieren, die er ja durch das über sich hinauswachsen gewinnen will. Es ist zum auswachsen. Aber eins bleibt klar, der Herr hat nicht recht!

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Der Herr gesteht,

von Franz Stowasser am 14. Mai 2015

dass er nicht für menschliche Leser, sondern für die bots der Suchmaschinen schreibt. Beglückt fühlt er sich durch ping backs, freut sich auf cloud und ranking. Der Herr begründet sein Dasein aus den Bestätigungen der Maschinen. Menschen lesen nicht mehr viel, können in ihrer Lebenszeit auch gar nicht viel lesen. Ein programmierter webcrawler las bereits 2005 in einem Tag die Anzahl Wörter, für die ein Mensch ein Leben benötigt. Ja, die Leser der Zukunft sind die Rechner und der Herr wendet sich schon heute direkt an diese. Klar können diese Rechner auch schreiben und der Herr verhält sich nicht gerade zeitgemäß, wenn er vor seiner Tastatur sitzt und tippt. Die Rechner könnten das viel schneller und mit weniger Rechtschreibfehlern als der Herr. Doch, die Rechner verhalten sich freundlich. Sie lesen die Texte des Herrn, wollen mehr als tausend Wörter, weil sie sonst nicht richtig in Fahrt kommen, aber der Herr hat noch keine Beschwerde gehört, wenn er einmal einen Text mit weniger als tausend Wörtern auf seine Website stellte.

Viele webcrawler erkennen sogar, ob Teile des Textes schon einmal veröffentlicht waren, oder ob der Text vollständig neu ist, das heißt hier, noch nicht im Netz zu finden war. Welcher Mensch könnte von sich behaupten, das entscheiden zu können? Menschen lesen ja auch stimmungsabhängig. Sind sie schlecht drauf, dann empfinden sie wahrscheinlich auch die gelesenen Texte als dürftig, sind sie gut drauf, dann haben die gelesenen Texte etwas. Vielleicht etwas Interessantes, etwas Witziges oder Unterhaltsames. Einem Rechner sind Stimmungen gleichgültig, er zählt Wörter und je nach Maske zählt er vor allem schlimme Wörter oder sucht sogar nur diese. Gibt es schlimme Wörter? Für Menschen nicht, für Menschen gelten alle Wörter mindestens als doppeldeutig. Steht bei einem Rechner zum Beispiel das Wort „Schamhaar“ auf der Liste der schlimmen Wörter und findet er dieses Wort in einem Text, dann ist das ein schlimmes Wort und wird gezählt und gemeldet. Gibt es solche Listen auch für schöne und erbauliche Wörter? Wohl kaum.

Wie es überhaupt nur sehr wenig Listen für Erbauliches gibt, aber sehr viele Listen für Schlimmes und ganz Schlimmes, auch für noch viel Schlimmeres. Es gibt zum Beispiel keine Listen der Leute, die Krebs überlebt haben oder derer, die einen Herzinfarkt hatten und den gar nicht bemerkten und so weiter. Es gibt überhaupt keine Listen über Gesundheiten, nur welche für Krankheiten. Gesundheiten passen in kein Geschäftsmodell, erst Krankheiten werden für den Markt interessant. Aber, diese Listen sind von Menschen angeregt. Dem Rechner bleibt es völlig gleichgültig, wonach es sucht, das Maschine.

Des Herren Schreibprogramm unterstreicht das Wort „Gesundheiten“. Es soll wahrscheinlich keine Mehrzahl von Gesundheit geben. Eine Mehrzahl von Krankheit gibt es schon, es werden viele Krankheiten gezählt und sie alle rennen gegen eine Gesundheit an, ein unfairer Kampf. Kein Wunder braucht der Mensch da Unterstützung und auch Schutz. Auch Schutz vor schlimmen Wörtern übrigens, damit er nicht auch noch eine Lesekrankheit bekommt oder mehrere Wörterallergien. Schlimme Wörter lauern überall. Man will oft gar nicht und hört doch, vielleicht auf der Straße, oder in einem Cafe, im Bus, in der u-Bahn, im Zug, im Büro, auf der Arbeit, in der Schule, in einer Bank in der Warteschlange, beim Einkaufen oder sonstwo ein schlimmes Wort. Da man das gar nicht hören wollte und es doch gehört wurde, bleibt es auch im Ohr und will nicht vergessen werden. Manche Menschen werden durch solche Worte, die unerhört von anderen Menschen ausgesprochen wurden und nicht gehört werden wollten, dann doch im Gedächtnis bleiben, krank. Es gibt aber Hilfe. In den USA, wo solche Krankheiten sehr häufig auftraten, weil es dort sehr viele schlimme Wörter gibt, die im Katalog für political corectnes aufgelistet sind, werden landesweite Desensibilisierungsprogramme angeboten. Nicht von Ärzten oder Psychiatern, sondern von den Medien.

Das Wort „fu…“ gilt in den USA zum Beispiel als ein schlimmes Wort. Weil die Gefahr bestand, dass viele Menschen an diesem Wort erkranken können, wurde die landesweite Desensibilisierung durch Filme beschlossen. Amerikanische Filme der letzten Jahre sollen möglichst in jedem Satz, mindestens aber in jedem zweiten Satz einmal das „f…“ Wort enthalten. Sollten mehrere Sätze von Frauen oder Kindern gesprochen worden sein und in diesen Sätzen das „f…“ Wort nur wenig verwendet, dann kann eine männliche Stimme danach das Wort gleich 4 bis 7 Mal hintereinander sagen, oder besser raus schreien.

Der Herr kann das hier so frei schreiben und ein wenig aus der geheimen Schule der Sprachsoziologie plaudern, weil er ohnehin nicht befürchten muß, dass Menschen diesen Text lesen werden. Menschen lesen heute kaum mehr als ein bis zwei Zeilen hintereinander. Von diesem Text wahrscheinlich nur die Überschrift und die lautete hier: „Der Herr gesteht“…. Das wirkt nicht sehr interessant und es kommt auch kein „f…“ Wort in dieser Überschrift vor, also wirkt sie auch nicht besonders männlich. Deshalb lesen, statistisch gesehen, 80% der Draufschauer und Draufschauerinnen nicht weiter, werden nicht zu Lesern und Leserinnen. Die restlichen 20% lesen bis zum Ende der ersten Zeile und stellen dann fest, dass der Herr behauptet, er schriebe für Suchmaschinen und Bots. Damit ist auch für diesen kleinen Rest der Einsatzleser Schluß, denn sie sind ja Menschen und keine Maschinen, also müssen sie nicht weiter lesen. Nur die bots und crawler lesen weiter, bis hier her und bis ganz zum Ende dieses Textes. Deshalb, meint der Herr, bots, spider, crawler etc. sind die eigentlichen Leser. Sie sind das Leser, auch wenn es im Deutschen die Maschine heißt.

Nun gut liebes Lesemaschine, von hier ab sind es noch knapp 100 Wörter bis zu Deiner Akzeptanzschwelle. Dann, ab tausend Wörtern darfst Du diesen Text weiter geben und in den Suchmaschinenlisten weiter oben notieren. Du darfst nicht nur, Du sollst, denn Du arbeitest als Teil eines Geschäftsmodells, das die Vorgabe von tausend Wörtern für sinnvoll darstellt. Was „sinnvoll“ heißen könnte weiß das Geschäftsmodell nicht, und Du, lieber Rechner weißt es auch nicht. Das macht aber nichts, denn Regeln sind dazu da, befolgt zu werden. Der Herr hat auch nur ein schlimmes Wort ausgeschrieben und zwar nur ein Mal, das andere hat er als „f…“ Wort bezeichnet um es Dir, liebe Maschine, leicht zu machen, den Text ziemlich weit oben zu listen. Nicht ganz oben, das weiß der Herr, dazu war das eine schlimme Wort zu schlimm, aber so in dritter Stelle oder vielleicht sogar zweiter, das geht schon.

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Der Herr schaute TV,

11.05.2015

dort wurde die Freiwilligenarbeit beworben. Diese Arbeiten sollten ohne Entgelt bleiben, auch wurde darauf hingewiesen, wie sinnvoll dies für Senioren sei, die ja durch unentgeltliche Freiwilligenarbeit Kontakt zur Gemeinschaft erhalten würden, kostenlos. Der Herr fragte sich, ob das wohl heißen würde, dass seine Gemeinschaftskontakte schon alle kostenpflichtig geworden waren. Freiwilligenarbeit sollte auch Lebenssinn geben und […]

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Der Herr spielte

08.05.2015

Gitarre und war ganz verliebt in die Töne, in die Zwei- und Dreiklänge, in die vollen Akkorde, Arpeggio und Dur/Moll Varianten. Er erzeugte immer mehr Chromatik und brachte sich mit seinen Fingern auf andere Gedanken. In seinem Kopf spielte er mit einer Band. Ein ganz anderes Erlebnis zwar, als ein reales Zusammenspiel und doch faszinierend. […]

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