Der Herr berichtete

von Franz Stowasser am 2. Mai 2015

aus den Gebieten seiner Iche. Er hatte viele Iche, Kindheits-, Erwachsenen-, Business-, Musiker-, Schreiber-, Zeichner-, Partner-, Herren-Ich und viele mehr. Denn, so sagte der Herr häufig: „Wer mit einem Ich auskommen will, muss sich ganz schön einschränken“. Mit den vielen Ichen hatte der Herr gute Unterhaltung und wunderte sich auch oft über deren Eigenständigkeiten. Jedes Ich machte für sich einen guten Job und bildete sich auf dem ich-eigenen Gebiet immer weiter aus. Der Herr hatte Glück, denn seine Iche wollten voneinander nichts wissen und konzentrierten sich auf ihre Aufgaben. Auch kannten sie keinen Neid und klagten auch nicht über Benachteiligung. Der Herr war sich nur nicht ganz sicher, für wen sie arbeiteten und ob sie überhaupt für jemanden oder etwas arbeiteten, oder nur für sich selbst. Dann allerdings wäre sein Herren-Ich nur eines unter vielen und gar nichts Besonderes.

Und wieder denken wir an die vielen hungrigen Suchmaschinen die auf tausend Wörter warten. Wir kommen diesen Erwartungen nach, produzieren mehr als 1000 Wörter, dieses Mal ohne Bild und fragen uns, ob sich der Herr da nicht etwas vor macht. Schon diese idealisierte Formulierung: “Auch kannten sie keinen Neid und klagten auch nicht über Benachteiligung.” zeigt doch eine fortgeschrittene Werksblindheit des Herren.

Wer viele Iche hat, hat auch Streit, Mißgunst, Niedertracht, Konkurrenz, Jammern, kurz Unpäßlichkeiten jeder Art zu fürchten. Nur durch Ignoranz kann es dem Herrn gelungen sein, die Streitigkeiten seiner Iche, die auf jeden Fall da gewesen sein müssen, aus seinem Fokus der Aufmerksamkeit zu verbannen. Wohin fokussiert der Herr aber dann? Wahrscheinlich immer auf das Ich, das ihm gerade freundlich gesinnt scheint. Der Herr pflegt Illusionen, erträumt sich eine heile Welt und wird schon noch sehen, wo er damit hin kommt. Ganz subversiv versucht der Herr mit dem Postulat der vielen Iche den uns allen bekannten Identitäts-Satz zu unterlaufen oder aber zu durchkreuzen. Weiß er denn nicht, dass jeder eine Identität braucht. Ohne Identität gibt es nichts zu individualisieren und wie langweilig wäre das Leben, wenn jeder die gleiche Facebooksite hätte oder das gleiche I-Phone. Stellt euch vor, es gäbe keine individuellen Tatoos mehr oder Schuhmoden, keine individualisierten Autos und so weiter. Jedes Individuum will doch sein eigenes Design, damit es nicht identisch mit den anderen Individuen daher kommt.

So weit, dass wir alle gleich werden, soll die Identität nicht gehen. Nein, das Besondere eines Individuums soll herausgestellt werden und das nicht nur Donnerstags, wenn die Müllabfuhr vorbei kommt. Wir wollen unsere Identität sichtbar machen, denn wir sind nicht mit anderen identisch, sondern mit uns selbst, also ich bin mit mir identisch. Schon schlimm, dass man das hier erst noch aufschreiben muß. Man nennt das auch Selbstähnlichkeit und es ist mehr als nur eine Ähnlichkeit. In der Identität liegt das Dasein, denn wäre das Seiende nicht mit sich identisch, dann wäre es nicht und es kommt doch darauf an, dass etwas ist, individualisiert nämlich. Jeder Mensch ist etwas Besonderes. Das habe ich neulich in einem amerikanischen Film gesehen und das hat mir gut gefallen. Den Film sollte sich der Herr auch einmal anschauen, dann würde er wissen, wie wichtig eine Identität, also ein und nur ein Ich ist.

Ich-Identität ist sehr wichtig, das sollte der Herr eigentlich wissen. “Hans-Peter Frey und Karl Haußer bezeichnen Identität als einen selbstreflexiven Prozess des Individuums. Ein Mensch stellt demnach Identität über sich her, indem er verschiedene Arten von Erfahrungen, so zum Beispiel innere, äußere, aktuelle sowie gespeicherte, über sich selber verarbeitet. „Identität entsteht aus situativer Erfahrung, welche übersituativ verarbeitet und generalisiert wird.“ (Identität, 1987, S. 21).” zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4t#Ich-Identit.C3.A4t_nach_Erikson_und_Habermas

Wenn ein Mensch Identität über sich herstellt, dann ist das auch ein erhebender Moment. Der Mensch erhebt sich über sich um seine Erfahrungen “übersituativ” zu verarbeiten und zu generalisieren. Das Ergebnis aus dieser Aktion sind nicht etwa Glaubenssätze und Vorannahmen, sondern das Ergebnis heißt Ich-Identität. Identisch ist also, was sich über sich erhoben hat, um dann in der Verarbeitung und der Generalisierung von Erfahrungen mit sich identisch zu werden. Aus einem werden zwei und dann wieder ein identisches um wieder zwei zu werden, dann wieder eins. Das nennt man einen Prozeß, vielleicht sogar den Prozeß der Ich-Identitätsfindung. Immer einer oben, das andere unten, das ist auch wichtig.

Wenn der Herr sich einmal die Mühe machen würde, Identität über sich herzustellen, dann würde er merken, dass das so einfach nicht geht. Er würde merken, dass er dazu Hilfe braucht, einen geistigen Führer vielleicht, der ihm hilft, seine Identität über sich herzustellen. Ein geistiger Führer oder ein Yoga Lehrer könnte ihm dann auch sagen, ob er es richtig macht. Aber, der Herr wählt den einfach Weg, behauptet, viele Iche zu haben und drückt sich so vor der wichtigen Erfahrung, sich über sich zu erheben, vielleicht sogar über sich hinaus zu wachsen. Vor allem kommt der Herr mit den vielen Ichen niemals zu einer “gespeicherten Erfahrung”. Wahrscheinlich speichert ja jedes seiner Iche die eigenen Erfahrungen ab und die unterscheiden sich dann von den anderen Erfahrungen. Eine Identität bleibt unmöglich und der Herr wird sich wahrscheinlich als multiple Persönlichkeit wieder finden, wenn er sich überhaupt wieder finden kann. Denn einen Menschen mit vielen Ichen kann es nicht wirklich geben, er könnte sich selbst nicht kennen und keine Sekunde wirklich da sein.

Wie sollte er sich einen Namen geben, wenn er keine Identität hat? Wie sollten wir ihn ansprechen? Gut, wir können ihn mit Herr ansprechen, aber dann, was sagen wir dann? Der Herr entzieht sich einer Ansprache, kann ohne Identität auch keine Adresse haben und keinen Meldeschein. Wählen müßte er mit vielen Stimmen und wäre eigentlich nur als Chorsänger zu gebrauchen. Vielleicht nennt er sich deshalb “der Herr”, kann keinen Namen nennen, kennt seine eigene Identität nicht, weil er sich nie über sich erhoben hat. Wir wollen doch alle über uns hinauswachsen, dadurch lernen wir und erweitern unsere Grenzen oder wachsen auch über diese Grenzen hinaus. Gut, es ist etwas schwer zu begreifen, wie jemand über sich hinauswachsen könnte, denn der jemand, der da wächst wäre ja mit sich identisch und könnte sich zum hinauswachsen nicht verlassen, ohne seine Identität zu verlieren, die er ja durch das über sich hinauswachsen gewinnen will. Es ist zum auswachsen. Aber eins bleibt klar, der Herr hat nicht recht!

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Der Herr findet eine Freiheit mehr,

von Franz Stowasser am 29. April 2015

er findet nicht die Freiheit. Hatte die Freiheit auch nicht mehr gesucht, als er erkannte, dass er sich mit der Suche nach der Freiheit in ein Gefängnis eingeschlossen hatte. Die eine, richtige, wirkliche Freiheit suchen und finden wollen, das war eine Reduktion der Möglichkeiten zum, als Ideal phantasierten, einen Punkt. Der Herr wunderte sich darüber, dass er so viele Jahre das Spiel mit Einzahl und Mehrzahl nicht gesehen oder gehört hatte. Die Freiheit, also diese eine Freiheit, die richtige Freiheit war ein unerreichbares Konstrukt, in sich so widersprüchlich, weil diese eine Freiheit eine, die Richtigkeit definierende Autorität voraussetzte, der doch an Freiheit nicht gelegen sein konnte, sondern an Hierarchie zur Erhaltung der Autorität. Der Herr fühlte sich erleichtert, als er anstatt an die Freiheit, die Möglichkeit, die Wirkung, die Welt, die Logik, vielmehr Freiheiten, Möglichkeiten, Wirkungen, Welten, Logiken dachte.

Soweit der Beitrag des Herrn, jetzt folgen noch circa 750 Wörter für die Suchmaschinen. Viele Suchmaschinen bevorzugen Texte, die über tausend Wörter beinhalten. Der Herr liefert diese Wörter, denn er hat bei früheren Wörterlieferungen schon erfahren, dass sich interessante Aussichten auftun, wenn anfangs etwas knapp gehaltene Thesen weiter ausformuliert werden. Die Freiheit, in ihrer Einzahl gesucht, kann nicht gefunden, nur phantasiert werden. Vielleicht kann jede Einzahl nur phantasiert werden. Ein Punkt an einem nicht näher bestimmten Ort ruft sofort sein Gegenteil, die Linie auf, oder verschwindet, negiert sich in seinem Gegenteil. Als ein Punkt kann er nicht bleiben, bildet immer Differenzen zu irgend etwas anderem. So auch die Freiheit, auch sie kann nicht allein für sich bleiben, ruft ihre Gegenteile in Mehrzahlen auf, wird zu vielen Freiheiten oder eingeschlossen, gefangen in anderen Negationen.
Jaques Derrida hatte einst danach gefragt, was vor der Frage sei. Bevor der Herr seine Frage nach der Freiheit stellen konnte, hatte er sich mit einigen Gegenteilen der Freiheit bekannt gemacht. Diese haben ihm vielleicht nicht sehr gefallen und er fragte nach der Freiheit. Da noch unwissend darüber, wie sehr er sich Picture 101mit der Frage nach einer Freiheit, nach der (richtigen) Freiheit wieder in deren Gegenteile begibt. Unfreiheit wollte er gerade hinter sich lassen und schon grinst sie ihm wieder direkt ins Gesicht. Er kann damit umgehen, indem er nach Freiheiten in der Mehrzahl fragt. Erleichtert erkannte der Herr dann auch, dass er viele Freiheiten genießen konnte und schätzte sich glücklich. Kaum war er seinen Fokus auf die richtige Freiheit los, hatte er Freiheiten gewonnen, sich anderweitig frei zu denken. Aus dem Diktat der Richtigkeit hatte er sich gleich mit befreit. Wer hätte wohl diese richtige Freiheit für den Herrn definiert? Nicht eine Person allein. Viele Personen hätten sich gemeldet und den Herrn mit richtigen Definitionen des Wortes Freiheit versorgen wollen. So wäre auch da die eine, die eine richtige Freiheit bereits unmöglich geworden. Mit Gewalt hätte der Starke vielleicht seine Definition der Freiheit, nämlich der Freiheit des Stärkeren so lange durchsetzen können, bis ein noch stärkerer mit einer anderen Definition genau das verhindert hätte. Wendet nun dieser Stärkste aller Definierer des Wortes Freiheit seine Definition auch auf sich selbst an?

Wohl kaum, denn er endet sonst wie der Ringer in der Monty Python Show, der alle anderen Ringer besiegt hatte und nun gegen sich selbst kämpft. Führt also die Sehnsucht nach der einen, richtigen Definition zunächst zur Unterdrückung durch Stärkere, dann zu deren Selbstvernichtung? Und bekommen wir das nur nicht mit, weil bislang immer noch ein Stärkerer im Ring erschienen war, der seine Definition durchzukämpfen verstand? Die Idee des Wettbewerbs lebt davon, immer neue Siege zu feiern, dabei kann daran nichts Neues sein. Damit aber der Wiederholungscharakter dieser Wettbewerbsveranstaltungen nicht so auffällt, werden sie jeweils mit “Neuigkeiten” garniert und als “das Beste” serviert. Das Beste kann es nicht geben, denn es behauptet Eines zu sein und lebt doch nur aus der Abgrenzung zu den Zweit-, Dritt-, Viertbesten. Das Beste kann sich auch nicht selbst feiern, braucht die Perspektiven des Schlechteren. Die Medien bieten uns dieses Spektakel täglich als “das Neuste” an und der Herr erspart den Leserinnen und Lesern, die bis hierher mit gewörtert haben, auch noch “das Neuste” in seiner Abhängigkeit zum Älteren und in seinem Sterben, seinem zitternden Erwarten des kommenden “Allerneusten” zu beschreiben.

Statt: “Das Spiel mit der Mehrzahl” nun also Spiele mit Mehrzahlen. Der Herr wollte jedoch nicht mehr zahlen. Noch mehr Zahlen verwirrten ihn und er dachte, das sei ein Grund gewesen, dass er sich für die Einzahl entschieden hatte. Einzahlen auf sein Konto der schleichenden Verdummung, das er stark und kampfbereit zu verteidigen bereit war. Das Konto der schleichenden Verdummung war dem Herrn zuwider geworden. Je dümmer es wurde, desto lauter und eindimensionaler gebärdete es sich. Es wollte allen Welten seine Einzigartigkeit in seiner realen Existenz zeigen. Nur der Fakt, dass es da war, sollte noch gelten. Laut, fordernd und drohend machte das Konto der schleichenden Verdummung auf sich aufmerksam und verlangte, der Herr solle noch mehr darauf einzahlen. So war das Konto prall, dick und fett geworden, breiter auch und nahm immer mehr Platz ein, wollte sich noch mehr ausbreiten um seine Existenz jede Sekunde bewiesen zu sehen. Immer mehr, immer schnellere Einzahlungen wollte das Konto, wollte erst tägliche, dann stündliche, dann dauernde Bestätigung.

Paradoxer Weise gewann es mit seinem Wachstum nicht an Sicherheit, wurde im Gegenteil immer unsicherer darin, ob es auch noch das stärkste, größte und meist beachtete Konto der schleichenden Verdummung war. Wollte seine Einzigartigkeit jede Sekunde von den nicht Einzigartigen bestätigt sehen. Und zweifelte mit den häufiger werdenden Bestätigungen, die doch nur von anderen, von nicht Einzigartigen erfolgen konnten, immer mehr an der Aufrichtigkeit dieser Bestätigungen. Es fühlte
siPicture 115ch bestätigt, aber noch mehr betrogen. Es gab ja keine richtige Bestätigung, konnte keine geben, denn die hätte von einer anderen Einzigartigkeit kommen müssen. Das aber wäre das Ende der Einzigartigkeit des Kontos der schleichenden Verdummung gewesen. Eine andere Einzigartigkeit sollte es nie und nimmer geben. Dann lieber leiden und sich mit dem schweren Los dauernder Benachteiligung abfinden. Es liegt  im Schicksal des Einzigartigen, von allen anderen betrogen zu werden. Deshalb war  das Konto der schleichenden Verdummung auch immer auf der Hut, sehr wachsam, rüstete sich und schützte sich vor den Betrugsversuchen, die überall lauerten. Manchmal war es erschöpft, schlief auch schlecht, weil es meinte, vielleicht einen Betrugsversuch, oder, noch viel schlimmer, das Heranwachsen eines anderen Einzigartigen übersehen zu haben.

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Der Herr vermarktet sich

26.04.2015

Das macht ja sonst niemand für ihn. Also trägt sich der Herr selbst zu Markte und schreibt lange Texte für die Google Suchmaschine. Er hat gelesen, daß die Suchmaschine Texte von über 1000 Wörtern liebt. Der Crawler möchte viel lesen. Versteht nichts, vor allem keine Worte, will aber viele Wörter in vielen Zeilen auszählen. Früher […]

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Der Herr empfindet auch

22.04.2015

Unbehagen in der Kultur. Die Worte „Nackter“ und „Wilder“ waren zu Namen für Ungläubige geworden. Je verhüllter, desto gläubiger und das auch in den säkularisierten Gebieten der Gesellschaft. Das Verdecken der Blöße galt als eine Kulturleistung. Entblößen. unvollständige und nicht korrekte Kleidung war und ist bis heute mit Scham verbunden, da sollte man sich nicht […]

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